Mit einem 70-m-„Brett“ im Rücken bis nach Kalkriese

von Ralf Große-Endebrock (Kommentare: 0)

Flügeltransport durch den Norden

Um die „Kurve“: Von der Ausfahrt der B218 bei Engter biegt der überlange Transporter nach Mitternacht auf die Landesstraße 78 nach Lappenstuhl/Kalkriese ein. Fotos: Marcus Alwes

 

Mit einem 70-m-„Brett“ im Rücken bis nach Kalkriese

 

Kalkriese/Bremerhaven. Seit mehreren Wochen rollen nachts immer wieder die Schwertransporter in den neuen Windpark in Kalkriese. Sie kommen aus Bremerhaven und bringen Turmteile, aber auch überlange Windradflügel. Einen der Fahrer hat unsere Redaktion nun quer durch Norddeutschland begleitet.

 

Kurz vor 21 Uhr hatte Ronny Schnelle auf dem Gelände des Eurogate Container Terminal in Bremerhaven den Motor seiner Zugmaschine angeworfen. Mehr als 20 Tonnen ist seine Fracht an diesem Abend schwer. Noch beeindruckender ist aber deren Länge: 70,20 Meter sind an sein dunkelgrünes Fahrerhäuschen angehangen worden. Ein einzelner Windradfügel. Ein hartes „Brett“. Oder – wie die Fachleute sagen – ein Blatt. Es muss nach Kalkriese bei Bramsche gebracht werden . In den neuen, noch im Bau befindlichen Windpark.

 

 

Anmeldung am Eingang des Eurogate Container Terminals in Bremerhaven. Alles muss seine Ordnung haben.

 

 

Die beiden Polizisten Helmut Loerts und Heinz Lünsmann kontrollieren vor der Abfahrt die Transportpapiere von Ronny Schnelle.

 

Polizei und Zoll kontrollieren mehrfach

 

Im Kriechtempo geht es los. Der Konvoi aus mehreren Sattelzügen startet. Draußen ist es trocken, aber bitterkalt. Und im Hafengebiet zudem windig. Schnelle ist der Fahrer eines Schwertransporters mit den insgesamt sieben Achsen. „Der Windradflügel ist in Spanien gefertigt worden“, verrät er über seine Ladung. Die Mastenteile der großen Türme hingegen würden in Asien hergestellt. Alles im Auftrage der dänischen Firma Vestas. Mit dem Schiff komme diese Ware stets in Bremerhaven an, um schließlich in Sonderfahrten an ihren Bestimmungsort gebracht zu werden. Auf den entsprechenden Papieren der Genehmigungsbehörde ist von einer „Beförderung von Ladungen mit überhöhten Abmessungen und/oder Gewichten“ die Rede.

Diese musste Schnelle einige Minuten zuvor noch offiziell vorlegen. Im Rahmen einer ersten Polizeikontrolle. Auf dem Eurogate-Gelände. Weitere Abnahmen des Transporters durch den Zoll und erneut die Polizei – an der Autobahnausfahrt Bramsche-Schleptrup – werden während der Nacht folgen. Der 37-Jährige, der im sächsischen Oschatz geboren wurde und heute in Michelau im Spessart lebt, kennt das Procedere seit vielen Jahren. Nach einer Lehre als Industrie-Isolierer und einer Phase als Zeitsoldat bei der Bundeswehr hat er sich für den Beruf des Lkw-Fahrers entschieden. Bei der auf Schwertransporte spezialisierten Schwandner Logistik- und Transport-GmbH ist er inzwischen Teamführer.

„Man muss ein Gefühl für die Länge haben“, sagt Schnelle über den Flügel in seinem Rücken: „Und man muss teamfähig sein. Wir fahren im Konvoi immer mit drei Transportern. Drei Fahrer. Immer zusammen. Plus die Begleitfahrzeuge.“ Schnelle & Co. haben inzwischen die Autobahn 27 erreicht. Sie fädeln gekonnt ein. „Bei 70 Metern Länge zählt beim Anfahren jeder Zentimeter“, erklärt der Mann am Lenkrad, „das Anfahren ist etwas ganz Besonderes.“

 

 

 

Aus dem Begleitfahrzeug heraus kann per Fernbedienung der hintere Teil des überlangen Transporters gegebenenfalls gelenkt werden.

 

Schlüsselrolle für Begleitfahrzeug

 

Auch er selbst habe anfänglich vor den Flügeltransporten höllischen Respekt gehabt, erinnert sich Schnelle. Dann wurde er jedoch ins kalte Wasser geworfen. Als Urlaubsvertretung für einen Flügelfahrer. „Da habe ich mich beim ersten Mal schon gefragt, wie ich überhaupt aus dem Werksgelände rauskommen soll. Und es war damals nur ein 55-Meter-Blatt“, sagt er mit einem Lächeln. Schnee von gestern, etwa drei Jahre her. Augenblicklich passiert er auf der A1 die Anschlussstelle Bremen-Brinkum. Es ist inzwischen 22.55 Uhr. Und er unterstreicht wiederholt, wie wichtig das Zusammenspiel zwischen Lkw-„Pilot“ und dem Kollegen im Begleitfahrzeug hinter ihm sei. „Wenn das zwischen beiden nicht passt, kommt der Flügel nicht heile an“, sagt Schnelle. Immer und immer wieder während der Fahrt korrespondieren die Männer deshalb über den Bordfunk. Der Kollege im Begleitfahrzeug hat sogar die Aufgabe und Möglichkeit, per Fernbedienung die letzten drei Achsen des Schwertransporters zu lenken bzw. zu korrigieren. Um beispielsweise auf der Autobahn exakter in der Spur zu bleiben oder auch beim Abbiegen entscheidend mithelfen zu können. Damit kein Unfall oder Unglück geschieht. „Denn die hintere Spitze des Flügels sehe ich als Fahrer ja so gut wie gar nicht mehr“, gibt Schnelle zu. Später – in den engen Kurven und Kehren bei Schleptrup, Engter (von der B218 auf die L78) oder auch am Galgenhügel bei Kalkriese – ist die Unterstützung aus dem Begleitfahrzeug dann erneut gefragt.

 

 

Die letzten drei Achsen des Transporters lassen sich mit einer Fernbedienung separat lenken und steuern.

 

Mit der Fernbedienung gelenkt

 

In solchen Situationen kommen die Schwerlaster nur im Schritttempo voran. Ganz im Gegensatz zum Fahren auf der Autobahn, wo die zugelassene Höchstgeschwindigkeit (ergibt sich aus Fahrzeuglänge, -breite und -gewicht) von knapp 85 km/h durchaus über längere Zeit erreicht wird. Schnelle schildert außerdem eindringlich, dass er das Arbeiten am Abend und in der Dunkelheit schätzt. „Ich möchte gar nicht mehr tagsüber fahren, das ist für mich in Deutschland ein Graus“, sagt er mit Blick auf die Verkehrssituation. Und fügt hinzu: „So lange mir das hier Spaß macht, mache ich das auch.“ Ein Job, der sich vor allem nachts und am frühen Morgen abspielt. „Von montagabends bis freitags früh. Man gewöhnt sich daran. Wir fahren Schwertransporte in Deutschland, Dänemark und Österreich“, sagt Schnelle. Das Wochenende sei dann für gemeinsame Aktivitäten mit seinem jetzt 13-jährigen Sohn reserviert.

 

 

Das „Brett“ muss heile „um die Ecke gebracht“ werden. Ein Transporter beim Abbiegen in Engter auf die L78.

 

 

Der Fahrer macht sich am Steuer in seiner Kabine startklar.

 

Wenig Zeit für Freunde

 

Bleibt da überhaupt noch Zeit für Freunde? „Es ist schon schwer, Freundschaften zu pflegen, weil man so viel unterwegs ist“, gibt der Paintball-Fan zu. „Mein Freundeskreis besteht zu zwei Dritteln aus Lkw-Fahrern, die auch nachts fahren.“ Über Funk und Mobiltelefon stehe er mit ihnen des Öfteren in Verbindung. Als Schnelle das sagt, ist es bereits nach Mitternacht. Nachdem der Konvoi sich an der A1-Ausfahrt bei Bramsche-Schleptrup noch einmal dicht hintereinander aufgereiht hat, geht es in die finale Phase dieser Reise. Aber es sind nicht die ersten Flügel, die Fahrer der Firma Schwandner in diesen Wochen nach Kalkriese bringen . „Wir hatten es in anderen Windparks schon schlammiger und enger als hier“, sagt Schnelle. Die digitale Anzeige in seiner Fahrerkabine zeigt inzwischen 1.17 Uhr an. Die zentrale Kreuzung Zum Galgenhügel/Siemes Tannen im Windpark ist erreicht. Nun ist es nicht mehr weit bis zu Abladestelle. Die überlange Fracht ist heile am Ziel angekommen.

 

 

 

 

Auf dieser großen Info-Tafel am Eingang des Windparks hat die Betreiber-GmbH alle wichtigen Fakten zu den zwölf geplanten Rädern aufgelistet. Jedes einzelne in der Spitze 200 m hoch.

 

Der „corpus delicti“ – insgesamt 70 m lang – ist abfahrbereit aufgestellt.

 

Ronny Schnelle kontrolliert noch einmal die Warnlichter an seinem Schwertransporter.

 

Das Team bespricht sich. Konferenz von Schnelle (l.) mit den Kollegen aus dem Begleitwagen.

 

Drei Transporter dieser Art gehen als Konvoi gemeinsam auf die Reise nach Bramsche.

 

Der Blick in die Fahrerkabine. Der Platz vorne ist an diesem Abend für unsere Redaktion reserviert.

 

Kaffeebecher, Kugelschreiber – und alles, was ein Lkw-“Pilot“ so braucht.

 

Auch der Wasserkocher steht bereit.

 

Farbe bekannt: Zur Ausstattung im Fahrerhäuschen gehört auch ein kleines Windrad aus Plastik.

 

Auch durch den Zoll muss der Konvoi in Bremerhaven.

 

Warten in der Abfahrt der A1 bei Bramsche-Schleptrup auf die Freigabe zur Weiterfahrt über die B218 und die L78 nach Kalkriese.

 

Die Polizei fährt nach dem Verlassen der Autobahn wieder vor dem Konvoi – hier fotografiert von der B218-Brücke.

 

Die zentrale Kreuzung im Windpark Kalkriese: Zum Galgenhügel trifft auf Siemes Tannen.

 

Bei Tageslicht. Die Zufahrt über Siemes Tannen. Hinter sind zwei im Bau befindliche Windräder zu sehen.

 

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